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Die Übersetzung des Grauens – W. G. Sebalds „Austerlitz“  
Geschrieben von Jonathan Schaake am Freitag, 28. Mai 2010

/Literarisch Winfrid Georg Sebalds 2001 erschienener Roman "Austerlitz" hat mittlerweile den Ruf eines jungen Klassikers der deutschen Gegenwartsliteratur erlangt. Das letzte Werk des im selben Jahr bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommenen deutschen Schriftstellers bildet die Summe seines bedeutenden Schaffens, das neben Romanen Essays, Erzählungen und Lyrik umfasst.

„Austerlitz“ dreht sich um das in Sebalds Werk omnipräsente Thema der Identitätssuche von Exilanten (ein Sebaldscher Erzählband heißt „Die Ausgewanderten“). Hauptfigur des Romans ist der Kunsthistoriker Jacques Austerlitz, der dem (von Sebald absichtlich in den Hintergrund gerückten) Ich-Erzähler über Jahrzehnte hinweg in Belgien, England und Frankreich begegnet, um aus seiner Lebensgeschichte zu erzählen, die sich immer deutlicher als außergewöhnliche Leidensgeschichte entpuppt. Austerlitz ist der Sohn tschechischer Juden, die im zweiten Weltkrieg von den Nazis ermordet wurden. Bis zum Ende seiner Schulzeit hat er von seiner Herkunft allerdings keine Ahnung, denn seine Kindheit verbringt er in der Obhut walisischer Pflegeeltern. Erst Jahre nachdem der junge Jacques durch den Tod seiner Ersatzmutter aus den wohlbehüteten Verhältnissen einer puritanischen Predigerfamilie gerissen wird, verdichten sich allmählich die Spuren zu der Erkenntnis, dass er im Alter von vier Jahren das Schicksal jener Kinder teilte, die während des zweiten Weltkriegs von ihren verzweifelten Eltern in Zügen von Osteuropa nach Großbritannien geschickt wurden.

Mit der literarischen Figur des Jacques Austerlitz spielt Sebald auf eines der geschichtsträchtigen Ereignisse des 19. Jahrhunderts an: In der sogenannten 'Dreikaiserschlacht' bei Austerlitz besiegte Napoleon während des Höhepunkts seines Europafeldzugs im Jahr 1805 die Truppen Österreichs und Russlands, was unter anderem den Untergang des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation zur Folge hatte. Noch heute erinnern daran in Paris nicht nur der 1806 errichtete Arc de Triomphe, sondern auch der am linken Seineufer gelegene Gare d’Austerlitz, wo bezeichnenderweise die letzte Begegnung des Erzählers mit dem geheimnisvollen Jacques Austerlitz stattfindet. Aber auch ansonsten entfaltet Sebalds Roman zahlreiche Beziehungen zur Geschichte des 19. Jahrhunderts, etwa in den immer wieder eingestreuten bau- und kunstgeschichtlichen Ausführungen über Festungen, Bahnhöfe, Verliese, Folterkammern, Irrenhäusern, Paläste oder Herrschaftsvillen. Genauso erinnert Sebalds Sprache, seine ausufernden und verschlungenen Satz- und Gedankenschleifen, an das literarische 19. Jahrhundert, besonders an Schriftsteller wie Heinrich von Kleist oder Adalbert Stifter, die einen vergleichbar artistischen Erzählstil pflegten. Hinzu kommt die ambitionierte Erzählstruktur eines doppelten oder sogar dreifachen Erzählens, mit der der Autor die Vermitteltheit der Austerlitzschen Erinnerungen, ja des Phänomens des Erinnerns überhaupt, zur Anschauung bringt.

Die Welt der Dinge und Gegenstände

Bemerkenswert ist die Wertschätzung, die Sebald der in diesem Buch schlichtweg unüberschaubaren  Erscheinungswelt der Dinge und Gegenstände entgegenbringt. Es sind jene Museumsstücke und Gedenktafeln, Utensilien und Accessoires, Karten und Gemälde, Straßen und Landschaften, die er in akribischer Beschreibung einem konsequenten Poetisierungsverfahren unterwirft und über Schwarzweißphotographien oftmals direkt in den Text integriert.  Sebald versteht die Gegenstände als Zeugen und Repräsentanten der mit ihnen über die poetische Imagination verknüpften Figuren und Handlungen. In den Begegnungen des sammelnden und forschenden Individuums wird auf diese Weise die Vergangenheit zu etwas rückwärtig Erfahrbarem, das sich jederzeit wieder beleben lässt.

Evident wird die tiefe Verbundenheit von Sebalds Figuren mit der Welt der Dinge vor allem in den Schilderungen von Austerlitz’ entscheidender Tschechienreise, die ihn nach dem Auffinden seiner Prager Kindheitswohnung und dem unverhofften Zusammentreffen mit seinem alten Kindermädchen, nach Theresienstadt führt, wo seine Mutter 1944 umgebracht wurde. Während eines Rundgangs durch die seltsam verlassen wirkenden Straßen der Stadt üben die Exponate im Schaufenster eines Antiquitätengeschäfts auf Austerlitz eine fesselnde Wirkung aus: „Aber selbst diese vier, offenbar vollkommen willkürlich zusammengesetzten Stilleben, die auf eine, wie es den Anschein hatte, naturhafte Weise hinein gewachsen waren in das schwarze, in den Scheiben sich spiegelnde Astwerk der rings um den Stadtplatz stehenden Linden, hatten für mich eine derartige Anziehungskraft, daß ich mich von ihnen lange nicht losreißen konnte und, die Stirne gegen die kalte Scheibe gepresst, die hundert verschiedenen Dinge studierte, als müsste aus irgendeinem von ihnen, oder aus ihrem Bezug zueinander, eine eindeutige Antwort sich ableiten lassen auf die vielen, nicht auszudenkenden Fragen, die mich bewegten.“

Nach dem Besuch des Theresienstädter Ghettomuseums imaginiert Austerlitz die von den Toten wiederauferstandenen Häflinge: „...und wenig später, wie ich wieder draußen stand auf dem verlassenen Stadtplatz, schien es mir auf einmal mit der größten Deutlichkeit so, als wären sie nicht fortgebracht worden, sondern lebten, nach wie vor, dichtgedrängt in den Häusern, in den Souterrains und auf den Dachböden, als gingen sie pausenlos die Stiegen auf und ab, schauten bei den Fenstern heraus, bewegten sich in großer Zahl durch die Straßen und Gassen und erfüllten sogar in stummer Versammlung den gesamten, grau von dem feinen Regen schraffierten Raum der Luft“. Die Vergangenheit hat sich aus den Museumsstücken und Schautafeln neu formiert und ersteht in der Phantasie des Reisenden als eine Figurenwelt von äußerster Plastizität.

Ästhetische Begegnung mit dem Holocaust

Leider bleibt es den ganzen Roman über zweifelhaft, ob sich die nostalgischen Beobachtungen, die Austerlitz’ Visite im Konzentrationslager flankieren, bedenkenlos mit solchen gleichsetzen lassen, die ihm und dem Erzähler durch Erfahrungen in der alltäglichen Realität beschert werden. Manchmal ist es nämlich allzu offensichtlich, dass in dieser Romanwelt sehr vieles ein und demselben manisch recherchierten, aber dann bei aller Kunstfertigkeit doch überaus naiv arrangierten Fundus des Sebaldschen Zettelkastens entstammt. Die Literaturkritikerin Iris Radisch hat in diesem Zusammenhang die sehr berechtigte Frage gestellt, ob es wirklich möglich (und somit zu rechtfertigen) sei, „den Bericht von der Suche nach den deportierten Eltern nach demselben archivarischen Muster abzufassen wie den von der Muschel-, Mineralien- und Käfersammlung im Hause des Austerlitzschen Schulfreundes?“

Dahinter steht letztlich das Problem der ästhetischen Begegnung mit dem Holocaust, der künstlerischen Übersetzung des absoluten, eigentlich nicht mehr greifbaren Grauens. Man mag Sebald zum Vorwurf machen, dass in seinem Roman letztlich Banales mit höchst Inkommensurablem in einen geschichtsphilosophischen Sinnzusammenhang gestellt wird, und somit auch sein ästhetisches Scheitern weltanschaulich vorprogrammiert ist. Doch sollte man dabei nicht vergessen, dass genau dieses Scheitern in „Austerlitz“ das Maß einer hohen schriftstellerischen Würde und Menschlichkeit erreicht hat, etwa dann, wenn Sebald die eigenen stilistischen Prinzipien absichtsvoll pervertiert, um in einem zehn Druckseiten (!) umfassenden, albtraumhaften Satzungetüm die mechanische Absurdität der Abläufe in jenem deutschen „Vorzeigelager“ von Terezin einzufangen, das 1943 für den Besuch einer internationalen Rot-Kreuz-Mission auf Befehl der Kommandantur besonders hübsch herausgeputzt wurde. An dieser beeindruckenden wie rührenden Kernstelle des Buches hat Sebald die Not seines Erinnerungs-Historismus zur Tugend gemacht.

Bild: (www.fischerverlage.de)

Austerlitz
Winfried G. Sebald
Fischer Taschenbuch Verlag
Taschenbuch, 417 Seiten
ISBN-10: 3596148642
Offizielle Internetseite
9,95 Euro

Die Übersetzung des Grauens – W. G. Sebalds „Austerlitz“

Für den Inhalt der Kommentare sind die Verfasser verantwortlich.



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