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Von Soldaten und Lutschern  
Geschrieben von Toni Schattenstreichler am Freitag, 28. Mai 2010

/Poetisch Eine fiktive Geschichte, beruhend auf wahren Begebenheiten in Uganda.

Sonntagmorgen: Der Nachbarhahn ist Langschläfer. Meine Hände sind bereits wund vom Waschen als er anfängt den neuen Tag zu begrüßen. Bis auf meine Unterwäsche, die ich drinnen aufhängen muss, ist auch schon fast wieder alles trocken. Ich liege unter dem Mangobaum vorm Haus. Im Schatten lässt es sich gut aushalten. Aber ich muss ja noch in die Stadt. Hab nichts mehr zu essen zu Hause und Wasser gibts grad auch nicht dank der Soldaten. Außerdem will ich einen Lutscher.
Ich laufe durch den roten Sand die Hauptstraße entlang. Es ist ruhiger als sonst. Kaum ein Auto. Eins, nein zwei Bodas fahren an mir vorbei. Die Kinder spielen wie immer überall am Straßenrand. "Bye Mzungu bye!" Sie winken. Wie immer. Aber es ist doch nicht wie immer. Überall zwischen den Kindern sitzen sie. Manche von ihnen in graugrünen Uniformen, andere in blauen und wieder andere in Militärmustern. Manche tragen feste Stiefel. Manche Sneakers und manche Gummistiefel. Aber eines haben sie alle gemeinsam. Maschinengewehre. Sie tragen sie in der Hand oder lassen sie locker über die Hüfte hängen.
Sie sitzen überall. Patrouillieren in kleinen Gruppen in der ganzen Stadt.
Ich sitze vor Zalika´s Restaurant und warte auf meinen Reis mit Matooke. Ich kann nicht anders als ihnen zu zuschauen. Die Kinder kümmern sich nicht um sie. Der Rest der Stadt schon. Die Geschäfte sind geschlossen. Beinahe alle. Viele Leute sind gar nicht in die kleine Stadt gekommen. "No buisness today." Es ist ruhiger als sonst. Hier und da sitzen die Leute vor ihren geschlossenen Geschäften und werfen den Uniformierten verstohlenen Blicke zu. Im Radio haben sie heute Morgen angekündigt, dass, wenn es wieder zu Unruhen kommt nicht nur mit Tränengas geschossen wird.

Vor vier Tagen fing alles an.

Donnerstag: Chaos in Kayunga. Ich bin in einem kleinen Eisenwarenladen um mir zwei Macheten zu kaufen. Die Polizei fährt in die Straße. Sie springen von ihrem Wagen. Rennen in die Menge. Packen sich einen Mann. Schlagen ihn. Treten ihn. Werfen ihn auf ihren Pick-up. Fahren wieder los. Eine Menschenmenge rennt zum Markt. Von allen Seiten kommen sie. "That's a mob", sagt Betty. "What are they doing?" "He pointed another man to the police. Now they will beat him." "Are they going to kill him?" "I don't know. I think they will."
Die Polizei kommt zurück. Sie schmeißen Tränengas zwischen die Menschen. Mitten zwischen die Kinder. Ein Mann rennt. Er hat sein Kind am Arm gepackt und flieht in eins der Geschäfte. Wir verstecken uns im Eisenwarenladen. Können durch den Türspalt die Straße beobachten. Bis das Tränengas auch uns erreicht. Wasser. Schnell Wasser ins Gesicht. In die Augen, Nase, Mund. Wir sind im Hinterhof. Drei kleine Jungs stürzen durch das Eisentor. Sie husten. Rotz läuft ihnen aus der Nase. Schnell rennen sie zur wassergefüllten Plastikwanne hinten im Hof. Eine Frau zerreißt ihr Kleid. Gibt jedem von uns ein Stück. Eine andere tränkt die Fetzen mit Wasser. Sie wollen, dass ich mit dem Boda nach Hause fahre. Ich lehne ab. Kenne doch alle shortcuts. Ist ja viel sicherer zu Fuß als die Hauptstraße entlang. Als ich auf der Straße bin kommen sie mir entgegen. Ich renne zwischen zwei Häusern durch. Bin beim Taxipark. Da sind sie auch. Setze mich in die Ecke des Platzes zu einer Familie auf eine kleine Holzbank. Die Kinder freuen sich das ich da bin. Freuen sich, dass ich ein bisschen Luganda mit ihnen sprechen kann. Ich warte bis die Soldaten wieder weg sind.
Fühle mich komisch mit meinen zwei Macheten im Rucksack. Ich laufe über das Fußballfeld nach Hause. Hier ist also ihr Camp. Einige Zelte stehen da. Einige gepanzerte Fahrzeuge.
Ich lege mich schlafen. Mein Kopf  dröhnt vom Tränengas.

Freitag: "In the morning you can go to town. They will fight in the afternoon." Ich gehe in die Stadt. Kaufe mir die Zeitung. Spreche mit vielen Menschen um die Situation zu verstehen. Der Kabaka (König der Baganda)soll kommen. Die Regierung verweigert ihm seinen Besuch.
In Kampala brechen Straßenkämpfe aus. 6 Menschen werden getötet und landesweit 5000 verhaftet.
Abends will ich ins Internet. Muss in die Stadt. Schon am Fußballfeld empfängt mich eine Tränengaswolke, die ich wegen der Dunkelheit nicht sehen kann. Ich laufe mitten hinein.
Ich kehre um. Huste. Bin wütend. Meine Nase juckt und mein Gesicht brennt. Bin wirklich wütend.

Samstag: Es ist wider Erwarten alles ruhig. Der Kabaka kommt nicht. Die Banyala haben gewonnen. Oder die Regierung? Oder die Sicherheit?
Wer kann das schon genau sagen?
Ich bin zu Hause. Agnes ist hier. Und Henry. Und Christoph. Wir hören den ganzen Tag Radio. Hören was gestern in Kampala passiert ist.

Jetzt ist Sonntag. Der Hahn hat verschlafen. Ich wundere mich warum die Soldaten noch immer hier sind. Der Präsident hat sein Kommen für Dienstag angekündigt. Mittlerweile steht ein Panzer auf dem Fußballfeld. Ich sitze vor Zalikas Restaurant und die Soldaten ziehen langsam an mir vorbei.
Plötzlich rennen sie. Drei von ihnen. Ich schaue genauer hin.
Sie haben Lutscher im Mund.

Bild: Jennifer Köhler, CC-Lizenz(by-nc-nd) (www.jugendfotos.de)

Von Soldaten und Lutschern

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